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Haunetal, OT Oberstoppel, Kreis Hersfeld-Rotenburg,    ca. 500 m nordwestl. des Ortes in gedachter Verlängerung der ‘Kreuzsteinstraße’ am Waldrand, Steinkreuz

Das Steinkreuz von Oberstoppel
Das spätmittelalterliche Denkmal eines Jägers?

Von Prof. Dr. Friedrich Karl Azzola (Trebur) und Victor Sabo (Haunetal-Neukirchen)
 
Runde drei Meter hinter dem Waldrand beim Hegeberger Feld steht ein nur 1,02 m hohes, aus einem weißen, quarzithaltigen Sandstein gehauenes, spätmittelalterliches Steinkreuz. Dieses Material stammt aus dem nahebei gelegenen Blocksteinmeer im Bereich der „Langen Steine“, die urkundlich erstmals während der Bauarbeiten auf der Burg Hauneck in den achtziger Jahren des 15. Jahrhunderts erwähnt sind. Der Längsbalken des Oberstoppeler Steinkreuzes ist 27 bis 28 cm und sein Querbalken 24 cm breit (Abbildung 1). Da die Dicke des Steinkreuzes 23 cm beträgt, zeigt der Querbalken einen fast quadratischen Querschnitt, hingegen ist der Querschnitt des Längsbalkens mehr rechteckig. Vom Betrachter aus gesehen ist der linke Arm des Steinkreuzes nahezu gänzlich verloren, der rechte lediglich verstümmelt. Man hatte wohl die abgeschlagenen Bruchstücke fein zerrieben und den gewonnenen Sand dem Viehfutter als Heilmittel zugesetzt. Dadurch sind von der einstigen Inschrift des Querbalkens nur noch die in Kapitalis eingehauenen vier Buchstaben IS TO erhalten. Man darf diese vier Großbuchstaben als Rest eines einst vollständig in den Querbalken eingehauenen Namens betrachten. Das in einem erhabenen Flachrelief inmitten der Buchstaben angeordnete Zeichen ist kein Dolch sondern ein Messer: oben das Heft und unten das Blatt. Links ist die Schneide dieses Messers bauchig konvex gekrümmt. Demgegenüber ist rechts der Blattrücken zunächst gerade und erst zur Spitze und damit zugleich zur Schneide hin stärker gekrümmt. Damit weicht dieses Messer-Zeichen etwas von dem Waidmesser ab, das eines der drei Steinkreuze bei Ladenburg (Abbildung 2) verziert1), denn meist ist der Blattrücken eines Waidmessers gerade (Abbildung 3). Die Vielfalt der schon zu damaliger Zeit gefertigten Messer/Waidmesser (Abbildung 4) spiegelt sich zwangsläufig in den hier beschriebenen kleinen Unterschieden wider. Am oberen Ende des Längsbalkens kann man auch noch eine eingetiefte Rille erkennen, wohl der Rest einer nun nicht mehr reproduzierbaren Ziffer, eines Zeichens oder eines Buchstabens. Fundbericht: Das Steinkreuz von Oberstoppel fehlt sowohl im Inventar der Steinkreuze und Kreuzsteine Hessens 2 als auch im Buch über „Die Bau- und Kunstdenkmale des Fuldaer Landes, Band II: Kreis Hünfeld“3). Am 21. Januar 1999 unternahmen der zuständige Bodendenkmalpfleger, Herr Dr. Sippel, zusammen mit den Herren Dr. Zillinger, Bad Hersfeld sowie den Herren Schön, Huff und Brehm, alle Oberstoppel, eine Ortsbesichtigung geführt von Herrn Sabo, Neukirchen. Dieser Fundbericht stützt sich auf eine vom zuständigen Bodendenkmalpfleger, Herrn Dr. Sippel, verfasste und Herrn Sabo übermittelte Ausarbeitung. Das weithin in Vergessenheit geratene spätmittelalterliche Steinkreuz war im Jahr 1998 Herrn Sabo bei einem Spaziergang zufällig aufgefallen, worauf er sich in Oberstoppel um Informationen zur Geschichte und mündlichen Überlieferungen bzw. Sagen zu diesem Denkmal bemühte. Eine Erinnerung an das Steinkreuz musste im Ort vorhanden gewesen sein, denn seit den 1970er Jahren trägt eine aus dem Ort heraus und in seine Richtung führende Straße den Namen „Kreuzsteinstraße“ - und die Namengeber mussten sich damals etwas dabei gedacht haben. Eigentlich müsste der Weg Steinkreuzstraße heißen und nicht Kreuzsteinstraße, denn das Denkmal ist ein Steinkreuz und kein Kreuzstein! Ein Kreuzstein ist eine Stele, eine aufrecht stehende, meist rechteckige Platte, die ein Kreuzzeichen trägt. Wie die Herren Schön und Huff anlässlich der Ortsbesichtigung am 21. Januar 1999 darlegten, habe das Steinkreuz bis zu der in den Jahren 1948/49 durchgeführten Verkoppelung (Flurbereinigung) um 50 bis 70 m südlich seines jetzigen Standortes in der damaligen Flur „Am Kreuzstein“ gestanden. Vermutlich lebte dieser Flurname lediglich in mündlicher Überlieferung, da heute dieselbe Flur den Namen „Am Hegeberger Feld“ trägt. Durch diese Flur verlief zwischen zwei Flurstücken in nordsüdlicher Richtung ein Mittelrain und ihm entlang ein Pfad von Oberstoppel nach Neukirchen, wie die beigegebene alte Flurkarte zeigt (Abbildung 5). Deutlich erkennt man den darin eingetragenen Rain mit dem ihn begleitenden Pfad, die durch die Verkoppelung verschwanden. An diesem Pfad stand das Steinkreuz, dessen anzunehmender Standort in die alte Flurkarte nachträglich eingetragen wurde. Im Messtischblatt TK 5224 Eiterfeld könnte dieser ehemalige Standort durch den Rechtswert 50090 und durch den Hochwert 25480 beschrieben werden. Bei der Verkoppelung wurden nicht nur der Rain und der Pfad beseitigt sondern auch das Steinkreuz ungefähr 50 bis 70 m nordwärts an den Waldrand geschafft und dort abgelegt, wo es im Lauf der Jahre von Hecken überwachsen und von Laub bedeckt in Vergessenheit geriet. Schließlich konnten sich nur noch wenige Einwohner von Oberstoppel an das Steinkreuz erinnern. Um es vor seinem Untergang zu bewahren, haben wohl in den Jahren um 1993/94 mehrere ältere Männer des Dorfes, darunter auch die Herren Schön und Huff, das Kreuz ca. 3 m hinter dem Waldrand neu aufgestellt. Im Bereich seines Standortes kann man Reste des zuvor erwähnten, einstigen Fußpfades in Richtung Neukirchen noch erkennen. Die mündliche Überlieferung zum Steinkreuz bei Oberstoppel: Die beiden Herren Schön und Huff wussten von Erzählungen alter Menschen im Ort zu berichten, wonach zwei Oberstoppeler Einwohner auf dem Rückweg vom Schäfermärktchen in Neukirchen in Streit geraten wären, in dessen Verlauf einer der beiden vom anderen umgebracht wurde. An der Stelle des schrecklichen Geschehens habe man daraufhin das Steinkreuz errichtet. Der Umgekommene wäre ein Angehöriger der Familie von Bückings gewesen. Die mündliche Überlieferung vom Streit, der mit einem Mord endete, ist eine Wandersage, die an vielen spätmittelalterlichen Steinkreuzen haftet; sie trägt im vorliegenden Fall nichts zur Klärung der Frage bei, weshalb das Steinkreuz einst errichtet wurde und woran es erinnert. Das Steinkreuz von Oberstoppel aus der Sicht seines Attributs: ein Waidmesser. Zum Ursprung des Steinkreuzes von Oberstoppel liefert eine authentische Information lediglich das Attribut des Steinkreuzes: ein in einem erhabenen Flachrelief gehauenes Waidmesser. Dieses Waidmesser des Oberstoppeler Steinkreuzes zeigt eine bauchig konvexe Schneide mit einer ausgeprägten Spitze: ein solches Messer ist sowohl zum Einstich als auch zum Aufschneiden geeignet, es ist also bifunktional. Die Vorbilder der als Standes- und Handwerkszeichen vieler spätmittelalterlicher Steinkreuze dienenden Attribute sind charakteristische, ein Handwerk/einen Beruf kennzeichnende Werkzeuge. Demnach wären die wenigen Steinkreuze mit einem Messer als Zeichen nicht auf Messerschmiede zu beziehen, die auch Waidmesser fertigten, obgleich sich dieser Gedanke anbietet, sind doch Messer die Produkte der Messerschmiede und nicht deren Werkzeuge. Da Steinkreuze mit einem Messer als Attribut insbesondere in Waldgebieten auftreten, liegt nahe, diese Messer als Waidmesser zu interpretieren. Solche Steinkreuze wären demnach für Jäger gesetzt worden, die wohl durch einen Jagdunfall ihr Leben unversehen, d. h. ohne Ausstattung mit dem Sterbesakrament, verloren hatten. Dieser Gruppe spätmittelalterlicher Steinkreuze ist auch das Steinkreuz von Oberstoppel zuzuordnen. Demnach erinnert das Steinkreuz von Oberstoppel an einen durch einen Jagdunfall umgekommenen Jäger oder Jagdgehilfen. Bestätigt wird die Auffassung, das Steinkreuz von Oberstoppel sei das Denkmal eines Jägers/Jagdgehilfen durch das im Aschaffenburger Stiftsmuseum erhaltene Steinkreuz der Abbildung 6, wo ein Waidmesser mit einem Jagdspieß kombiniert ist. Dieser Jagdspieß stimmt mit den Jagdspießen etlicher spätmittelalterlicher Steinkreuze überein. Hier wird dazu lediglich das Steinkreuz bei Tübingen-Unterjesingen4) von 1482 auf der Abbildung 7 sowie ein Jagdgehilfe aus dem Jagdbuch des Gaston Phoebus, Comte de Foix, aus dem 14. Jahrhundert auf der Abbildung 8 beigegeben5). Noch heute gehört das Waidmesser zur Ausrüstung eines Jägers. Er benötigt die Waffe zum Aufbrechen des Wildes, wobei er zunächst durch einen Einstich das Fell öffnet, wozu die Spitze der steifen Klinge dient. Zugleich ist die bauchige Schneide der Klinge besonders dazu geeignet, das Wild aus der Decke zu schlagen, d. h. das Fell zu lösen. Auch zum Auswaiden im Wald eignet sich ein solches Messer vorzüglich, sind doch die Eingeweide ein von den Füchsen begehrter Fraß. Die Inschrift des Querbalkens: Aus Erfahrung darf man folgern, dass die noch vorhandenen vier Großbuchstaben des verstümmelten Querbalkens als Rest eines eingehauenen Namens zu deuten sind. So ließe sich aus der Buchstabenfolge ISTO der Name CHRISTOFFL oder CHRISTOFEL erschließen. Zu diesem Vornamen liegen zwei passende urkundliche Überlieferungen vor und zwar:
1. Aus dem Jahr 1486 ein Christoffel Kyle als Zentgraf und Stabhalter des Gerichtes Neukirchen; er ist im Weistum des Gerichtes Neukirchen erwähnt und
2. Aus dem Jahr 1491 ebenfalls ein Christoffel Kyle als Vorsteher und Heiligenmeister der St. Antoniuskirche zu Unterstoppel.
Ob allerdings dieser Christoffel Kyle bei einem Jagdunfall umkam und für ihn das Steinkreuz als Gedenkmal errichtet wurde, bleibt ungewiss. Wie man sich das einst intakte Steinkreuz mit seiner Inschrift vorstellen darf, zeigt die hier als Abbildung 9 beigegebene Skizze.

Zusammenfassung der bisherigen denkmalkundlichen Erörterungen: Das wohl um 1500 errichtete spätmittelalterliche Steinkreuz von Oberstoppel auf der Abbildung 1 erinnert demnach aufgrund seines Waidmessers als Zeichen an einen gewaltsam durch einen Jagdunfall und deshalb zugleich unversehen umgekommenen Jäger, vielleicht an Christoffel Kyle. Es wurde als ein Gedenkmal am Fußweg nach Neukirchen aufgestellt, damit von den Vorübergehenden recht zahlreich Bitten für die arme, nicht mit dem Sterbesakrament versehene Seele des Umgekommenen gebetet würden. Bei den spätmittelalterlichen Steinkreuzen mit einem Waidmesser als Attribut diente das Waidmesser demnach als Berufs- und Standeszeichen der Jäger und Jagdgehilfen. Jägerzeichen anderer spätmittelalterlicher Steinkreuze sind der Jagdspieß6) (Abbildungen 6 bis 8), das Horn7) sowie die Armbrust, letztere insbesondere im Osten Thüringens8). Bisher einmalig ist das verstümmelte Steinkreuz am alten Kirchweg von Wald-Amorbach nach Sandbach im Odenwald mit einem Armbrustpfeil als Zeichen für einen umgekommenen Jäger,  Jagdgehilfen9). Die Vielfalt der Zeichen auf den uns überkommenen spätmittelalterlichen Jagddenkmalen ist demnach offensichtlich. Auffallend ist die aufwändige Ausführung des Waidmessers in einem erhabenen Flachrelief, denn es ist viel einfacher, die Konturen eines Waidmesser als Steinkreuz-Attribut auf einer geebneten Fläche als Rillen wiederzugeben, wie die beiden hier beigegebenen Abbildungen 2 und 6 zeigen. Man darf deshalb an einen geübten Steinmetzen als Verfertiger des Oberstoppeler Steinkreuzes denken, zumal zu jener Zeit die Burg Hauneck über Oberstoppel im Auftrag des hessischen Landgrafen und unter der Leitung des Hofbaumeisters und Amtmanns Hans Jakob von Ettlingen wieder aufgebaut wurde. Zum Standort des Steinkreuzes von Oberstoppel: Der derzeitige, vom Ort leider weit abgelegene Standort des Steinkreuzes nahe des Waldrandes beim Hegeberger Feld ist zufällig und durch keine Überlieferung vorgegeben. Man darf ihn deshalb aufgeben. Da es zugleich den einstigen, historischen Standort aufgrund der Verkoppelung nicht mehr gibt, darf über einen künftigen, sicheren und zugleich würdigen Standort für das Steinkreuz nachgedacht werden. Da es ein einmaliges, in der Oberstoppeler Flur überliefertes Denkmal ist, das seinen Platz in der Flur verlor, und an seinem jetzigen Standort nicht die gebührende Beachtung findet, wäre ein neuer Standort im Ort angemessen. Als sicherer, neuer Standort für das Steinkreuz würde sich in Oberstoppel die Umgebung der Kirche anbieten, zumal das Steinkreuz einst für die Menschen vor Ort als Stätte von Fürbitttgebeten eine geistliche Funktion erfüllte.

Anmerkungen
1) Friedrich Karl Azzola und Erika Kuchen: Bei Ladenburg: Ein Steinkreuz mit einem Waidmesser - das Denkmal eines Jägers? In: Der Odenwald Jg. 51, Heft 1 (März 2004), S. 24 - 34.
2) Heinrich Riebeling: Steinkreuze und Kreuzsteine in Hessen. Dossenheim/Heidelberg 1977.
3) Erwin Sturm: Die Bau- und Kunstdenkmale des Fuldaer Landes Band II. Der Kreis Hünfeld. Fulda 1971. Vom selben Autor stammt nach Information durch Herrn Sabo ein kleiner Fundbericht wie folgt: Unbekanntes Steinkreuz bei Oberstoppel, in: Buchenblätter Jg. 73, Nr. 2 vom 3. Februar 2000, S. 6.
4) Friedrich Karl Azzola: Das Steinkreuz von Tübingen-Unterjesingen - von 1482? In: Steinkreuzforschung. Studien zur deutschen und internationalen Flurdenkmalforschung, Sammelband Nr. 16 (NF 1), Regensburg 1989, S. 5-13. - Ders.: Gedenkmal eines Jägers von 1482? Das Steinkreuz bei Tübingen-Unterjesingen, in: Schwäbische Heimat Jg. 41, Heft 1 (Januar-März 1990), S. 54-56.
5) Gabriel Bise: Das Buch der Jagd von Gaston Phoebus, Comte de Foix. Freiburg im Uechtland und Genf 1978, S. 74.
6) Friedrich Karl Azzola, Heinz Bormuth und Fritz Schäfer: Dolch, Schwert und Spieß als Steinkreuzzeichen im hinteren Odenwald. Eine denkmalkundlich-ikonologische Untersuchung, in: Winfried Wackerfuß, Peter Assion und Rolf Reutter (Hrsg.): Zu Kultur und Geschichte des Odenwaldes. Festgabe für Gotthilde Güterbock, Breuberg-Neustadt 1976, S. 55-62.
7) Friedrich Karl Azzola: Die beiden Steinkreuze bei Buch nahe Amorbach und in der Stadt Langen - Zugleich ein Beitrag zu Spieß und Horn als Zeichen spätmittelalterlicher Denkmale der Jäger/Jagdgehilfen, in: Der Odenwald Jg. 45, Heft 4 (Dezember 1998), S. 160-164.
8) Gerhard Ost: Die Armbrust auf Steinkreuzen, in: Heimatgeschichtlicher Kalender des Bezirks Gera 1982, S. 34-41.
9) Friedrich Karl Azzola und Heinz Bormuth: Das verstümmelte, spätmittelalterliche Steinkreuz am alten Kirchweg von Wald-Amorbach nach Sandbach mit seinem Attribut: ein Armbrustpfeil, in: Der Odenwald Jg. 49, Heft 3 (September 2002), S. 106-109.

Quellangaben: Lit.: 1. Aufsatz von Prof. Friedrich Karl Azzola und Victor Sabo, in: Mein Heimatland (Bad Hersfeld) November 2004, Band 43, Nr. 11 S. 41-44, aus: Internet: ...opac.regesta-imperii.de            

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